Lieber Herr Dr. Schäuble,
seit Monaten rätseln die Menschen
mit informationstechnischem Sachverstand (zu denen Sie ja offenbar
nach eigener Aussage nicht
gehören) inzwischen, wie das da jetzt genau mit der
Online-Durchsuchung funktionieren soll. Angesichts der erheblichen
Probleme
legt Ihr Haus offenbar ein sicherheitstechnisches Sendepäuschen
ein, und das ist gut so. - Wenigstens solange, bis alle technischen
Fragen einwandfrei geklärt sind.
Immerhin eine Frage ist seit gestern
geklärt: Sie unterliegen offenbar dem Irrtum, daß alle
Rechner in diesem Land derart schlecht gesichert sind, wie
“zahlreiche Computer in Bundesministerien” (so der Spiegel),
die von China aus mit Spionageprogrammen infiziert wurden. Wenigstens
scheint es, als ob die Bundesrepublik Glück im Unglück
hatte: Der Abfluß von 160 Gigabyte Daten konnte verhindert
werden. Wie groß der nicht zu verhindernde Abfluß war,
wurde allerdings nicht mitgeteilt.
Was die Frage der Sicherheit auf
Anwendungsrechnern angeht, so kann ich kann Ihnen versichern: Es gibt
noch sichere Computer als die der Bundesregierung und auf einigen
Computern in diesem Land ist seit Jahren noch Freie
Software installiert - gerade GNU/Linux steht in dem Geruch,
weniger anfällig für digitales Ungeziefer zu sein wie das
proprietäre Windows. Die neueren Versionen einer Reihe von
GNU/Linux-Distributionen sind sogar mit Unterstützung des
US-Amerikanischen Nachrichtendienstes NSA
gehärtet
worden.
Aber selbst für eingefleischte
Windows-Nutzer besteht Hoffnung und die heißt “BOSS”
- eine Freie Software zur “Sicherheitsüberprüfung
von Systemen in Netzwerken”, wie Wikipedia weiß. Übrigens:
BOSS wird von Ihrem “outgesourcten” Sachverstand im BSI
zur Verfügung gestellt. (Apropos BSI: Bis heute Abend 18.00 können Sie
sich richtig im realen Leben informieren. Das Bundesinnenministerium
hat nämlich Tag der Offenen Tür und das BSI stellt sich da auch vor. Vielleicht wäre das ja mal ein spannendes Ereignis - Aktionismus trifft auf Sachverstand!) Richtig dumm ist natürlich, daß
die Bundesregierung qua “Hackerparagraphen”
keine Sicherheitsberater mehr beauftragen darf,
um die digitalen Löcher im elektronischen Rückgrat der
Bundesrepublik zu stopfen. Und noch dümmer, daß die
chinesische Regierung offenbar keinerlei Respekt vor diesem
Hackerparagraphen hat. Frau Merkel sollte diesen Respekt bei ihrem Besuch in China dieser Tage kompromißlos einfordern.
Mit freundlichen Grüßen
Joachim Jakobs